Bildung für nach-haltige Entwicklung im Vergleich

Gleiche Herausforderung, unterschiedliche Perspektiven.

Wie wird Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland und Frankreich verstanden und umgesetzt? Ein Blick auf Begriffe, Traditionen und pädagogische Ansätze hilft, Gemeinsamkeiten zu entdecken, Unterschiede zu verstehen und eine gemeinsame Sprache für internationale Jugendbegegnungen zu finden.

BNE im Vergleich

Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung: Perspektiven aus Deutschland 
und Frankreich

Der Begriff „nachhaltige Entwicklung“ wurde erstmals 1987 in einem Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen definiert und bedeutet, „Die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigen, ohne zu gefährden, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen können.“ Sie stützt sich auf drei Säulen: die wirtschaftliche, die soziale und die ökologische Säule. Die Darstellung anhand dieser drei Säulen ist weiterhin sehr verbreitet, auch wenn sie heute durch systemische Ansätze ergänzt wird, die die Wechselwirkungen zwischen den drei Dimensionen stärker herausstellen.

die drei säulen der nachhaltigen entwicklung

wirtschaftlich

sozial

ökologisch

Auch wenn der Begriff in einem internationalen Kontext entstand, ist er dennoch in unterschiedliche nationale Traditionen eingebettet. So basiert die Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland und Frankreich auf Elementen der Natur- und/oder Umwelterziehung, die sich in beiden Ländern insbesondere seit den 1960er- und 1970er-Jahren entwickelt haben. Dieses Themenblatt vermittelt einen zusammenfassenden Überblick dieses Prozesses.

Historische Einordnung

Von der Naturpädagogik zur Umweltbildung

Die Entwicklung der Bildungspraxis war in den letzten Jahrzehnten durch eine thematische Erweiterung gekennzeichnet, die mehrere Phasen durchlief. Dabei handelt es sich um einen schrittweisen Prozess, bei dem neue Fachbereiche in der Regel eher hinzukamen, als dass sie andere ersetzten. So existiert beispielsweise die animation nature (in etwa: Naturpädagogik) auch heute noch unter diesem Namen. Sie ist also nicht verschwunden, sondern wurde zunehmend in ein größeres Ganzes integriert.

Im Laufe der 1960er Jahre entwickelte sich die animation nature in Frankreich wie auch die Naturpädagogik in Deutschland allmählich zu einem eigenständigen pädagogischen Bereich. Vor dem Hintergrund der Urbanisierung und Industrialisierung wollten Akteure der Zivilgesellschaft die Öffentlichkeit für natürliche Lebensräume sensibilisieren und entwickelten dafür neue pädagogische Ansätze, die auf Beobachtung, Erfahrung und dem Eintauchen in die Natur basierten. Damals bestand das Hauptziel darin, Naturräume im Rahmen von Workshops und Aktivitäten vor Ort zu entdecken. In diesem Zusammenhang zeigten sich erste Unterschiede zwischen der Naturerziehung (éducation à la nature), die sich vor allem auf die sinnliche Erfahrung konzentrierte, und der „Umweltbildung“ (éducation à l‘environnement), die auf einem eher kognitiven Ansatz gründete.

Mit der Zeit kam zur Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse eine politische Dimension hinzu, wobei sich die Entwicklungen in beiden Ländern unterschiedlich gestalteten. In Frankreich begannen die Bildungsakteure im Zuge des Mai ’68 und als Reaktion auf die Krisen der 1970er Jahre (Ölkrise, Ölkatastrophen usw.) zunehmend, sich kritisch mit den Modellen wirtschaftlicher Entwicklung, Konsumgewohnheiten und den Beziehungen zwischen Gesellschaft und Umwelt auseinanderzusetzen. In der BRD wurde eine ähnliche Entwicklung zur gleichen Zeit stark von neuen gesellschaftlichen Bewegungen getragen, insbesondere von der Anti-Atom-, Friedens- und Umweltbewegung, die eine zentralere Rolle einnahmen als in Frankreich. So entstand in beiden Ländern der Begriff „Umwelt“ als neuer Bezugsrahmen einer Bildungspraxis, die über die bloße Entdeckung der Natur hinausging.
Diese Entwicklung wurde zudem durch erste internationale Initiativen befördert, insbesondere durch die Konferenz der Vereinten Nationen über die Umwelt des Menschen (Stockholm, 1972), gefolgt von der Charta von Belgrad (1975) und der Erklärung von Tiflis (1977), mit denen die Grundlagen der Umweltbildung geschaffen wurden.

Von der Umweltbildung zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)

Diese Änderung des Vokabulars spiegelt einen Wandel im pädagogischen Ansatz wider, der sich in den 1980er Jahren fortsetzte. Der Übergang von „animation“ zu „Bildung“ und von „Natur“ zu „Umwelt“ ist nicht unerheblich. Es geht nunmehr darum, neben Wissen auch Kompetenzen zu erwerben und die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen zu hinterfragen, die für ökologische Gefahren verantwortlich sind. Es ist auch die Zeit, in der die ersten großen umweltpolitischen Maßnahmen auf den Weg gebracht werden: In Frankreich wird bereits 1971 ein Umweltministerium geschaffen. In der Bundesrepublik Deutschland (BRD) entsteht es 1986 vor dem Hintergrund der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, die die Auseinandersetzung mit Umweltfragen erheblich verstärkt.  Zudem ist diese Zeit geprägt von der Gründung der grünen Parteien: Die Grünen in Deutschland 1980, gefolgt von Les Verts in Frankreich 1984. Zu erwähnen ist auch, dass die Umweltfrage in der DDR in den 1980er Jahren einen wichtigen Platz innerhalb der Oppositionsbewegungen einnahm, die 1989 den Fall der Mauer verursachten.

Diese unterschiedlichen Veränderungen vollziehen sich auf globaler Ebene. Der Begriff „nachhaltige Entwicklung“, der erstmals in einem Bericht von 1987 verwendet wurde, erhielt 1992 auf dem Erdgipfel in Rio de Janeiro offiziellen Status. Seitdem geht es in den Netzwerken der Umweltbildung, die sich sowohl in Deutschland als auch in Frankreich etabliert haben, zunehmend um Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

In der pädagogischen Praxis werden Umweltthemen im Namen der „Nachhaltigkeit“ untrennbar mit sozialen und wirtschaftlichen Themen verknüpft.

EEDD in Frankreich und BNE in Deutschland heute

Der Blick auf die Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland und Frankreich offenbart zahlreiche Gemeinsamkeiten, aber auch einige deutliche Unterschiede.

Zwar verfolgen Deutschland und Frankreich hinsichtlich der nachhaltigen Entwicklung dieselben übergeordneten Ziele, jedoch basieren die jeweiligen Ansätze auf unterschiedlichen bildungspolitischen und institutionellen Traditionen.

In Frankreich ist der Begriff „éducation à l’environnement et au développement durable“ (EEDD) mangels eines neuen Ausdrucks nach wie vor sehr gebräuchlich. Er zeugt von der historischen Verankerung dieses Bereichs in der Natur- und Umwelterziehung, die bereits seit den 1970er Jahren von einem Netzwerk aus Volksbildungsverbänden, Umweltverbänden und Umweltbildungsstrukturen (wie den Netzwerken GRAINE, FRENE, dem CFEEDD usw.) vorangetrieben wurde. Auch heute spielen diese Akteure neben dem französischen Bildungsministerium noch eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung pädagogischer Instrumente, der Ausbildung von Jugendbegleiter:innen sowie von Lehrkräften und der Unterstützung der Regionen. Außerdem wird die EEDD zunehmend mit dem Begriff der “transition écologique” in Verbindung gebracht, der in der französischen Politik einen wichtigen Platz einnimmt.

In Deutschland hat sich dagegen der Begriff Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) durchgesetzt. Sie geht über die reine Umweltfrage hinaus und umfasst die ökologischen, sozialen, wirtschaftlichen und demokratischen Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung. Die BNE wird stark von den internationalen Rahmenwerken der UNESCO und der Agenda 2030 sowie von Konzepten wie dem Globalen Lernen beeinflusst (ein pädagogischer Ansatz, der in Deutschland seit den 1990er Jahren entwickelt wurde und den Schwerpunkt auf globale Wechselbeziehungen, internationale Solidarität und das Verständnis globaler Herausforderungen legt). Die BNE stützt sich zudem stark auf das Konzept der Gestaltungskompetenz, d. h. die Fähigkeit des Einzelnen, komplexe Situationen zu verstehen, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen und aktiv zur Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft beizutragen. So prägt dieses Konzept seit zwanzig Jahren auch die nationalen Empfehlungen. Seit einigen Jahren nehmen in den pädagogischen Debatten auch Ansätze des transformativen Lernens (oder transformative Bildung) verstärkt Raum ein, die darauf abzielen, die für den ökologischen Wandel notwendigen Veränderungen in den Ansichten und Praktiken zu begleiten.

Diese Unterschiede spiegeln sich auch in der Ausgestaltung der jeweiligen staatlichen Politik wider. In Frankreich spielt das Ministerium für Bildung und Jugend seit 2013 eine immer wichtigere Rolle bei der Entwicklung der EEDD, zunächst durch die E3D-Zertifizierung von Schulen und zuletzt durch den Plan „Die Schule als erster Ort des Engagements für den ökologischen Wandel“ von 2023. In Deutschland liegt die Umsetzung der BNE aufgrund der föderalen Staatsstruktur hauptsächlich im Zuständigkeitsbereich der Bundesländer. Sie wird jedoch seit 2015 auf nationaler Ebene durch eine Nationale Plattform BNE koordiniert, die die wichtigsten institutionellen Akteure sowie Akteure des formellen und informellen Sektors und der Zivilgesellschaft zusammenbringt, um eine gemeinsame Strategie zu fördern, die somit stärker institutionalisiert ist als in Frankreich.

Neben diesen institutionellen Unterschieden bestehen aber in der Bildungspraxis starke Gemeinsamkeiten. In beiden Ländern legt die EEDD/BNE den Schwerpunkt auf aktive Lernmethoden, Interdisziplinarität, die Beteiligung junger Menschen und die Entwicklung von Kompetenzen, um die Komplexität der Herausforderungen zu verstehen und verantwortungsbewusst zu handeln. Darüber hinaus sind der übergreifende Ansatz, auf dem die EEDD basiert, die Bedeutung von Themen, die über nationale Grenzen hinausgehen (wie die globale Erwärmung oder der Verlust der Artenvielfalt), sowie eine Professionalisierung der Akteure im Bereich der nichtformalen Bildung zu nennen, die durch ein ad hoc-Fortbildungsangebot begleitet wird.

Beispiele für Instrumente

Weitere Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich hängen mit der Geschichte und der Struktur der deutschen und französischen Gesellschaft insgesamt zusammen. So wirken sich beispielsweise die relative Bedeutung des schulischen und außerschulischen Bereichs oder auch der Gegensatz zwischen dem deutschen Föderalismus und dem französischen Zentralismus auf diesen Bereich aus, ohne jedoch ausschlaggebend zu sein.

Das Phänomen der kulturellen Übertragung auf nationaler Ebene lässt sich auch anhand der in Frankreich verbreiteten Verwendung des Begriffs „citoyenneté” („Bürgerschaft“) (oder „éco-citoyenneté” – „Umwelt-Bürgerschaft“) im Zusammenhang mit der EEDD veranschaulichen. Darin lässt sich der Wille erkennen, die Ergebnisse internationaler Arbeit in einen bereits bestehenden Diskurs zu integrieren, der hier auf republikanischen Werten basiert.

Diese Unterschiede dürfen jedoch nicht davon ablenken, dass die angestrebten Ziele weitgehend übereinstimmen. Beide Ansätze sind darauf ausgerichtet, junge Menschen zu befähigen, die aktuellen ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen zu verstehen, einen kritischen Geist zu entwickeln und zu Akteur:innen des Wandels zu werden.

Einige Instrumente veranschaulichen, wie diese Politik in beiden Ländern umgesetzt wird.

In Frankreich sind im Bereich der formalen Bildung zwei wichtige Instrumente hervorzuheben:

  • seit 2013: das E3D-Gütesiegel für Schulen und Bildungseinrichtungen, die sich allgemein für nachhaltige Entwicklung engagieren (2025 trug etwa ein Viertel der Bildungseinrichtungen dieses Gütesiegel).
  • 2019: die gesetzliche Einführung von Umweltbeauftragten und Referent:innen für Bildung für nachhaltige Entwicklung (EED)

Auch in Deutschland ist die BNE Teil der schulischen Lehrpläne:

  • 12 % der schulischen Einrichtungen sind offiziell mit einem Gütesiegel für nachhaltige Entwicklung oder BNE zertifiziert (Umwelt-Schule, UNESCO-Projektschule, Fair Trade-Schule, Schools for Earth…),
  • 2024 hat die Kultusministerkonferenz (KMK) neue Empfehlungen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) verabschiedet, um die 17 globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung aus der Agenda 2030 der Vereinten Nationen fest im Schulalltag zu verankern und die Schülerschaft zu befähigen, nachhaltig zu handeln.

Darüber hinaus gibt es den Nationalen Preis – Bildung für nachhaltige Entwicklung, der 2022 ins Leben gerufen wurde und seit der ersten Vergabe 2023 alle zwei Jahre gemeinsam vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) verliehen wird. Er richtet sich an Schulen und Hochschulen, sowie an Vereine, Unternehmen, Gebietskörperschaften usw.

Fazit

Bei interkulturellen Jugendbegegnungen können Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung wahlweise nur angeschnitten oder in den Mittelpunkt des Austauschs gestellt werden. Unabhängig von der jeweiligen Entscheidung müssen die Teammitglieder mit unterschiedlichen Konzepten und Begriffen jonglieren: Während die Teams aus Frankreich gerne von EEDD, transition écologique oder von éco-citoyenneté, sprechen, verwenden die Teams aus Deutschland eher Begriffe wie BNE, Gestaltungskompetenz, Globales Lernen oder auch transformatives Lernen. Diese Ansätze verfolgen ähnliche Ziele, basieren jedoch auf unterschiedlichen pädagogischen und institutionellen Traditionen. Ihre Kenntnis erleichtert das gegenseitige Verständnis, die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache und die Konzipierung interkultureller Projekte.

Mit den vorgeschlagenen Ressourcen können diese verschiedenen Ansätze ergründet und interkulturelle Projekte bereichert werden, indem die sich ergänzenden Aspekte der deutschen und französischen Traditionen genutzt werden.

Glühbirne

Pädagogische Anregungen

In der Materialien-Sammlung befindet sich eine Auswahl an aktiven pädagogischen Methoden und Materialien auf Deutsch, Französisch und Englisch, um Themen aus den Bereichen Ökologie, Umwelt und nachhaltige Entwicklung in interkulturelle Jugendbegegnungen zu integrieren.

Fragen & Antworten

EEDD („éducation à l’environnement et au développement durable“) ist der in Frankreich gebräuchliche Begriff für Bildung zu Umwelt und nachhaltiger Entwicklung. In Deutschland hat sich dagegen BNE – Bildung für nachhaltige Entwicklung durchgesetzt. Beide Ansätze verfolgen weitgehend ähnliche Ziele: Sie sollen junge Menschen befähigen, ökologische und gesellschaftliche Herausforderungen zu verstehen, kritisch zu reflektieren und aktiv an einer nachhaltigen Zukunft mitzuwirken.

Die unterschiedlichen Begriffe spiegeln verschiedene pädagogische und institutionelle Traditionen wider. In Frankreich sind beispielsweise EEDD, transition écologique und éco-citoyenneté verbreitet, während in Deutschland eher von BNE, Gestaltungskompetenz, Globalem Lernen oder transformativem Lernen gesprochen wird. Die Ansätze überschneiden sich jedoch in vielen Punkten. Ihre Kenntnis kann helfen, Missverständnisse zu vermeiden und bei einer Begegnung eine gemeinsame Sprache zu entwickeln.

Beide Ansätze setzen auf aktives Lernen, Interdisziplinarität, die Beteiligung junger Menschen und die Entwicklung von Kompetenzen. Im Mittelpunkt steht nicht nur die Vermittlung von Wissen, sondern auch die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, kritisch zu denken und verantwortungsbewusst zu handeln. Themen wie Klimawandel und Biodiversitätsverlust werden dabei als grenzüberschreitende Herausforderungen verstanden.

Die Unterschiede können eine wertvolle pädagogische Ressource sein: Die Teilnehmenden können beispielsweise untersuchen, wie in Deutschland und Frankreich über ökologische Transformation, nachhaltige Entwicklung oder gesellschaftliches Engagement gesprochen wird. So lassen sich unterschiedliche Perspektiven miteinander vergleichen, eine gemeinsame Sprache entwickeln und ergänzende Ansätze für das eigene Projekt nutzen. EEDD und BNE können dabei entweder als eines von mehreren Themen aufgegriffen oder zum Schwerpunkt der Begegnung gemacht werden.